Frank
Berendt

Frank Berendt

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Malerei

Videos

Videos

Bleib

Länge: 6:25 Min.

Steinwurf

Länge: 6:01 Min.

Discipline

Länge: 3:00 Min.

Uns

Länge: 5:07 Min.

Über mich: Texte & Bilder

» Einem Traum, einem Phantom, einer Luftblase und einem Schatten gleich, wie ein Tautropfen, ein Blitz, eine Wolke – so sollten wir all die bedingt entstehenden und vergehenden Dinge der Welt betrachten. «Diamant-Sutra

Vorwort des Kataloges zur Ausstellung, Frank Berendt, „Stehende Strömung“ von Prof. Dr. Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunstmuseen der Stadt Erfurt .

Frank Berendt studierte von 1988 bis 1993 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Malerei und Grafik bei Prof. Arno Rink; er gilt als Vertreter der Neuen Leipziger Schule.
Wie viele Leipziger Maler bevorzugt auch er eine figürliche Bildsprache, doch meidet er alles Erzählerische. Vielmehr schweben seine vereinzelten Figuren wie Traumgebilde vor intensiv farbigen oder schattigen Bildgründen, die räumlich unbestimmt sind. Alles darin scheint beweglich, veränderbar, flüssig und doch in einem Moment fixiert: wie Filmstills aus einem Kontinuum von Bewegung und Veränderung; Form in Wandlung, Metamorphose aller sichtbaren Erscheinungen. Im Malvorgang stabilisierte Phantombilder, deren fragmentarische Verfassung ihrem Oszillieren zwischen Entstehen und Vergehen geschuldet scheint. Die gemalten und auch die als Videobild projizierten Szenen – seien es Menschen, Tiere, Objekte oder flüssige Substanzen – gleichen Vorstellungsbildern, das heißt figürlichen Projektionen unseres Bewusstseins. Dieser Bewusstseinscharakter ist ihr Realitätscharakter. Das momentane Verharren der Vorstellungsbilder verleiht ihnen eine Ahnung von Dauer, gerade so viel, dass sie sich unserem Blick einprägen, dass sie uns die Möglichkeit eines vertieften Schauens einräumen, der Kontemplation.

Tatsächlich laden die Bilder von Frank Berendt dazu ein, jedoch ohne die Attitüde von Andacht. Zur Vertiefung des Schauens laden auch präzise geformte Details ein, die wir wahrnehmen können – das wässrige Fluidum eines Auges, die plastisch akzentuierte, harmonisch geformte Kontur von Lippen, Lichtreflexe auf Wassertropfen oder ein nächtliches Gegenlicht, das in kleinen Dosierungen durch verwunschen wirkende Dickichte hindurch bricht: Inseln der Fokussierung inmitten einer Szenerie, die mitunter nur schemenhaft, wie hinter einem Schleier verborgen, aufscheint. Farblich verdanken sich seine Gemälde Strategien der Reduktion visueller Komplexität – bis zurück auf einen Komplementärkontrast oder zur Monochromie. Doch lässt er die wenigen Farben intensiv leuchten, komponiert harmonische Farbklänge und vertraut ihren emotional stimulierenden Wirkungen.

Seine Videoarbeiten haben ihren Ursprung in der Malerei. Sie sind von Überlagerungen, malerisch wirkenden Unschärfen und einem gedehnten Zeitmaß geprägt und in ihrer lichterzeugten, entstofflichten Erscheinung unseren Vorstellungsbildern noch näher als die gemalten Bilder. Menschliche Figuren zeigt Frank Berendt einerseits gern im Zustand gespannter Sammlung, andererseits aber auch im Zustand der Wendung nach innen – der Verinnerlichung. Bei aller Vertiefung in figürliche Details – Porträts, also Bildnisse konkret lebender Menschen – finden wir nicht in diesem Werk. Vielmehr trägt alles Figürliche exemplarischen Charakter, steht als ein Einzelnesfür das Viele, als konkrete Erscheinung für ein Allgemeines. Es sind Weltbilder, die unsere Existenz in philosophisch begründeter Perspektive berühren. Ein in der Kunst der Gegenwart umstrittener Anspruch, den Frank Berendt jedoch mit anderen Vertretern der sogenannten Neuen Leipziger Schule, wie Neo Rauch, teilt – oder mit dem heute schon klassisch zu nennenden britischen Maler Francis Bacon. Diese intentionalen Nachbarschaften verdeutlichen zugleich, dass wir uns mit dem Künstler auf jenes Feld des bildhaften Andeutens begeben, das unsere sprachlichen Möglichkeiten, in ganzen Sätzen die Welt zu bedeuten, tendenziell übersteigt.

Sich in die künstlerische Praxis von Frank Berendt vertiefend, mag uns zudem immer stärker bewusst zu werden, wie eng seine ästhetische Haltung mit seiner Zuwendung zur japanischen Kampfkunst und zum Zen-Buddhismus korrespondiert, die seit vielen Jahren sein Leben nachhaltig prägen. Tatsächlich scheint es möglich, die eingangs zitierte Empfehlung des Siddhârtha Gautama aus dem Diamant-Sutra als einen Schlüssel zu betrachten, der uns die Tür zu einem besonderen Verständnis der Bildwelten von Frank Berendt öffnet. Ein zentraler Begriff darin – wie überhaupt im Mahayana-Buddhismus – ist Shunyata, der ontologisch auf die Unmöglichkeit verweist, den Phänomenen der Welt eine dauerhafte Substanz, einen stabilen Wesenskern zuzuschreiben und deshalb mit „Leerheit“ übersetzt wird. Die Prajnaparamita-Sutren, zu denen das Diamant-Sutra ebenso gehört wie das berühmte Herz-Sutra, formulieren in zahlreichen Varianten paradoxe Sätze, die den Gedanken „Form ist Leere, Leere ist Form“ umspielen und uns zum Überschreiten begrifflicher Unterscheidungen ermuntern sollen, letztlich zur Aufgabe der Subjekt-Objekt-Distanz in unserem Weltverhältnis. Ein radikaler Perspektivenwechsel, der uns denkenden Subjekten oft genug als ein unmögliches Unterfangen erscheint. Das Sanskritwort „paramita“ im Titel der entsprechenden Sutren verweist auf diese umfassende Zäsur, denn es bedeutet „das, was das andere Ufer erreicht hat“. Für manche ein spiritueller Akt, für andere die Umschreibung einer universalistisch-ökologischen Sicht auf die Welt: Weil alles in seinem Werden und Vergehen von allem Anderen in dessen Werden und Vergehen abhängig ist, kann nichts aus sich selbst heraus dauerhaft existieren, ist in diesem Sinne ohne Eigen-Substanz, also „leer“. Zahlreiche Beobachtungen in den Bildern von Frank Berendt legen nahe, dass es ihm immer wieder darum geht, den Perspektivenwechsel der Shunyata-Philosophie auch in seiner künstlerischen Praxis zu versuchen – und uns Betrachter einzuladen, es ihm gleichzutun.

Betrachtungen zur Malerei Frank Berendts


Von Elisa Tamaschke

Nachtwälder / Dickichte Es ist Nacht und die Augen suchen den Weg durch die Dunkelheit, sie sehnen sich nach dem Licht in der Ferne. Der Weg dorthin, wo die beunruhigende Finsternis der Nacht aufhört und der Morgen wohl schon graut, ist unpassierbar. Dicht verwobenes Geäst stört die Freiheit des Geradezu-Marschierens. Im Labyrinth des Waldes wartet das Gefangen- und Verlorensein und doch – der leuchtende Himmel scheint den nahenden Morgen anzukündigen.
Die Nachtwälder und Dickichte Frank Berendts bestechen durch ihre intensive Unmittelbarkeit. Der Bildausschnitt entspricht dem des Sehenden im Wald. Durch unser Schauen sind wir in diesen Wäldern anwesend und mit ihnen elementar konfrontiert. Die waagerechten Äste im Vordergrund sind zu dynamischen Netzen verschränkt und lassen den Eindruck einer betrachtereigenen Bewegungsgeschwindigkeit entstehen – als würden wir an ihnen vorübergehen und dabei aus den Augenwinkeln beobachten, wie sie ihre Form aufgeben und sich verzerren. Aber, es liegt auch Ruhe, Beruhigung in diesen nächtlichen Dickichten.
Polaritäten sind hier erfahrbar: Unüberwindbar sind wir in den Irrwegen des Waldes gefangen und ahnen gleichzeitig die Freiheit, das Licht, die Lichtungen, die dahinter zu liegen scheinen. Innerlich bedroht durch die Unmöglichkeit des Passierens der Finsternis und sehnsüchtig nach dem Erreichen des Lichtes, existiert auch der Wunsch nach dem Bleiben dort im Nachtwald, nach dem Umschlossensein von der Güte und Versöhnlichkeit der sich neigenden Nacht.

Frauen Die klaren, schönen Gesichter der von Frank Berendt gemalten Frauen leuchten: Ihr Wesen, Wesentliches, Geist und Konzentration auf Inneres deuten sich an. Die Augen haben die Frauen geschlossen oder niedergeschlagen und nur in seltenen Fällen schauen sie den Betrachter an, um seinen Blick zu bannen. Geradezu atmosphärischer Zauber herrscht in dem Bild „Milch“: Inmitten tiefen Blaus steht eine Frau, die Augen geschlossen und den Blick nach innen gerichtet. Die Farbe bringt die Atmosphäre der Situation und den Geist der Frau in Einklang – das Blau ist hier die Vergeistigung eines menschlichen Zustandes. Dieser changiert, wie Frank Berendt im Gespräch ausführt, zwischen der Möglichkeit wahrhaftiger Vereinigung zwischen Frau und Mann, die hier in dem fluid schwebenden Weißen zwischen den erhobenen Händen Ausdruck findet, und der Schwierigkeit und Ambivalenz dieses Zusammenkommens, das durch die Haltung der Hände, die vom Gegenüber fordern Abstand zu halten, angedeutet wird. Die „Milch“, und damit das Zusammensein, ist ohne Halt im Raum, ist in der Schwebe und damit Moment und nicht Ewigkeit.
„Kränkung“ ist das Bindeglied zwischen den Dickichten und den Bildern von Frauen, da es beide Motive in sich vereint. In einer rechtwinkligen Raumsituation steht eine Frau mit einem Kissen in ihren Armen, dessen Federfüllung herausfällt und sich auflöst. Trotzdem drückt sie es fest an sich, sie umschlingt es, das Vergehende nicht aufgebend. Im Hintergrund eine Fensteröffnung, die den Blick in die Nacht, die bei Frank Berendt Zeichen einer Grund-, einer Haltlosigkeit sein kann und auf einen Wald erlaubt; und neben ihrem Gesicht hat sich das Geäst zu einem menschlichen Herzen mitsamt seinenGefäßen zentriert. Die Ursache der titelgebenden Kränkung ist unbekannt. Ist es eine Kränkung ohne Grund oder ohne Absehbarkeit? Die Hinweise auf das „Innen“, die geschlossenen Augen, der Eck-Raum, das sich nicht öffnende Dunkelblau kennzeichnen sie als elementar. Die Kränkung hat das Herz getroffen. Offen bleibt, wer gekränkt wurde – die im Bild Seiende oder der außen Stehende. Im nächtlichen Wald dämmert es bereits. Bald ist die Nacht überwunden und damit womöglich auch die Kränkung. Und die Füße treten wieder sicherer auf den Grund.

Männer Die männlichen Figuren sind, im Gegensatz zu den weiblichen, dem Betrachter selten frontal zugewandt, wenden sich statt dessen häufiger in die entgegengesetzte Richtung ab oder sind im Bildraum so eingebunden, dass ein Blick, eine Wendung nach außen unmöglich sind. Von einem Fluchtimpuls getrieben, scheint der „Laufende Mann“ in die große Leere, die hier möglicherweise bildgewordene Ungewissheit ist, geradezu Hals über Kopf zu stürzen. Ist es Verzweiflung und der Wunsch, das Leben auf reset zu setzen, auszubrechen zurück zum Anfang, als noch nichts verloren, noch nichts verspielt war – und gleichzeitig um die Unmöglichkeit dessen zu wissen? Oder aber ist es ein rasanter Aufbruch eines jungen Mannes, den das Leben, den zukünftiges Heldentum und die Lust nach strahlenden Taten locken?
In „Mann mit Maus“ scheint die Lesbarkeit eindeutiger. Die Maus des Titels ist für den Betrachter nicht zu erkennen. Zieht man den Arbeitstitel „Kapitulation“ zur Deutung hinzu, wird aber klar, dass die Maus im Mann ist, dass der Mann die Maus ist. Es ist, als versuche er seinen Kopf in den Boden zu stemmen, so, als würde das Verstecken des Kopfes zum Verschwinden des gesamten Körpers, überhaupt der Existenz führen. Der Bildraum ist durch das beengende Braun hermetisch abgesperrt, Flucht daraus ist unmöglich. Die Situation provoziert die Konfrontation mit sich selbst, die aber ja unerträglich ist. Verzweifeltes Verlangen ist, die vorherige menschliche Existenz aufzugeben und tatsächlich zur Maus zu werden, in einem Erdloch zu verschwinden und nicht mehr sichtbar zu sein.

Videos Die in der Ausstellung gezeigten Videos sind innerhalb eines langen Arbeitsprozesses entstanden, der Mitte der 1990er Jahre begonnen und in den 2000ern wieder aufgenommen und abgeschlossen wurde. Sie sind eng verwandt mit der Malerei Berendts und finden sich zum Teil sogar als konkrete Motive darin wieder. Wie in der Malerei wird der Blick konzentriert auf das Motiv gerichtet. Die Kamera benötigt keinen großen Bewegungsradius, um sich präzise und sensibel den behandelten Themen zuzuwenden. Video – „ich sehe“, kann hier als „ich erkenne“ gelesen werden. Ich erkenne mich.
In der Videoarbeit „Steinwurf“ sitzt ein schmächtiger Junge aufrecht und beinahe unbewegt am Ufer eines Sees, die Beine angezogen, die Unterarme auf den Schenkeln abgelegt. Sein Hinterkopf liegt in tiefem Schatten. Der unbekleidete Rücken des Kindes, von den Schulterblättern und der 37Wirbelsäule graphisch gezeichnet, ist zentraler Punkt im Videobild – geradezu visueller Fixpunkt. Die jedem Kind immanente Unantastbarkeit, in „Steinwurf“ verstärkt durch die körperliche Anmut des so aufrecht sitzenden Jungen, ist hier verbunden mit der potentiellen Gefahr der Verwundbarkeit dieses nackten Rückens. Tatsächlich ist die Atmosphäre buchstäblich wabernd aus dem Untergrund heraus bedrohlich: Vom gegenüberliegenden Ufer nähert sich dem Jungen eine langsame, dunkle Wasserbewegung, als hätte sie die Absicht, ihn zu überlaufen. Ausgesprochen flächenhaft liegen in diesem Videobild Bewegungsfelder aneinander, Lichtfelder, die heller und dunkler werden, sepia, bronze, schwarz. Das Bild ist still, aber durch Einzelbilder, die analog vielfach und leicht verschoben übereinandergelegt wurden, in Bewegung gebracht. Die Tonspur, ein vereinzeltes Wasserplätschern und daneben ein Rauschen, ist nicht Teil der Realität dieser Uferszene: Ton und Bild gehören nicht zusammen, sondern werden nur in den verknüpfenden Gedanken der Betrachter eins. Dass Ton und Bild parallel, aber nicht im Motiv vereint ablaufen, lässt den Gedanken aufkommen, dass der Junge als Person nicht mehr tatsächlich anwesend ist, als liege die Szene bereits in der Vergangenheit und sei nur noch eine vergegenwärtigte Erinnerung. Doch dann: Der Junge bewegt seinen rechten Arm und greift neben dem Körper nach einem Stein, wird aber durch den künstlerischen Eingriff Berendts unterbrochen, der die Handlung wieder auf Anfangsposition setzt. Dann aber versucht der Junge es erneut, streckt den linken Arm weit nach vorn, die Finger gespreizt, greift wieder mit der rechten Hand nach dem Stein und holt zum Wurf aus. In diesem Augenblick verdunkelt sich die Szene dramatisch und die Schatten changieren plötzlich ins Grünliche. Aber der Wurf geht ins Leere – wieder wird die Bewegung von Berendt zurückgeholt. Die Spannung, die sich durch das Aufziehen der Armbewegungen aufgeladen hat, wird nicht entladen. Durch das sofortige Abnehmen der Dunkelheit – es wird wieder heller, goldener – entspannt sich das Bild. In diesem Video wird eine simple, arglose Handlung zurückgepfiffen. Der Versuch zu werfen erscheint wie ein geträumter Traum.
„Uns“ lässt den Betrachter durch eine extreme Nahaufnahme in vermeintlichen Blickkontakt mit einem Kind treten. Das Kind ist in ständiger Bewegung, als spiele es mit dem Gegenüber ein vergnügtes Spiel, ein Augen-Blick-Spiel. Die totale Unschärfe abstrahiert das Kind und macht die dem Video immanente Erzählung eines intimen Momentes zur Erzählung eines Gedankens. Von Zeit zu Zeit erscheint neben dem Kindergesicht jenes von einem Erwachsenen. Die beiden verschmelzen in der Unschärfe der Aufnahme zum Teil so sehr, dass kaum auszumachen ist, wo ihre körperliche Trennlinie verläuft – das „Uns“ wird so zum Bild. Der Ton über dem Video ist kaum bestimmbar. Es ist ein ständiges Rauschen und Pfeifen, Summen – Störtöne im Grunde, die aber die Rhythmik des bewegten Bildes unterstützen. Auch das Schwarz/Weiß der Aufnahmen ist ein dynamisches Hell/Dunkel: Die Haut des Kindergesichtes pulsiert geradezu leuchtend und überstrahlt. Sekundenweise werden die Aufnahmen der Gesichter unterbrochen und der Betrachter aus dieser nahen Situation hinaus in die Ansicht eines Feldes geworfen. Ein weiteres Mal wird die Gesichtsaufnahme für wenige Sekunden unterbrochen: Das Kind, ein Knabe nämlich, schießt einen Pfeil. Noch ist es ein Spiel für das Kind, doch wartet auch auf diesen Jungen, sinnbildlich, die Initiation, wie schon auf seine Vorfahren. Sofort nach Abschuss des Pfeils erscheinen wieder die Gesichter der Zwei, vielleicht Vater und Sohn, um wieder durch einen Schnitt – mit stampfenden, erwachsenen Schritten wird über ein Feld gegangen – unterbrochen zu werden. Das Video endet mit dem lächelnden, schauenden Knaben. In „Uns“ wird an eine Vergangenheit inder bildlichen Vergegenwärtigung eines Kindes erinnert. Die Unschärfe und Bewegtheit der Aufnahmen, dadurch: Ihr Nicht-Greifen-Können, das Zusammensein von Vater und Sohn und im Kontrast dazu der sich emanzipierende, loslösende Knabe mit Pfeil und Bogen und schließlich das einsame Stapfen übers Feld, dem Horizont entgegen, aber doch allein – all dies erzählt von der Unmöglichkeit des Festhaltens an der Vergangenheit, des Für-Sich-Behaltens von Menschen und von der Gesetzmäßigkeit ständiger Progression. Die menschlichen Bindungen sind unmöglich unlösbar feststehend und manches Mal möchte man darüber verzweifeln. Aber wohl nur das Frei-Lassen erlaubt die Möglichkeit einer Wiederkehr des Frei-Gelassenen.

Begrenzung und Freiheit Frank Berendts abstrahierte und oftmals bühnenartige Bildräume sind allem überflüssigem Beiwerk enthoben, ja, vom strengen Pinselstrich geradezu ausgebürstet. Lesbar sind sie durch ihren hohen Symbolgehalt sowie durch die Textur der Ölfarbe auf den Leinwänden. Der Farbauftrag ist uneben und durch den deutlich nachvollziehbaren Strich des Pinsels strukturiert. Stark bearbeitete Partien sind nicht verborgen, sondern zeugen vom Suchen und Finden des Motivs im künstlerischen Arbeitsprozess. Berendt selbst spricht von „Störfeldern“, ohne die sein Werk nicht sein könne, die er aber auch auf die Unterbrechung der Motive – beispielsweise durch senkrechte Farbstreben – bezieht. Auch in den Videoarbeiten setzt er das „Stören der Materialoberfläche“ als Mittel ein. Brüche, nicht Perfektion, und Hadern statt Triumphieren werden durch den nachvollziehbaren Prozess der Werkgenese und durch die spezifische Anwendung der Mittel zum Ausdruck gebracht. Wie die Räume halten sich auch die Farben nicht an die Wirklichkeit. Es sind kraftvolle Manifestationen, die aber ein Entweder-Oder erlauben: Die Farben changieren und lösen die Motive zwischen den vorhangähnlichen senkrechten Schlieren, den Störfeldern, beinahe auf.
Durch diese Abstraktionsmomente, in denen die Körper, Räume und Farbigkeit in einen Zustand fern ihres realistischen Kontextes transformiert werden und in denen bewegt-erzählerische Momente selten sind, beschreibt Berendt innere, selten friedliche Zustände des Menschen. Wir wagen mit diesen Bildern einen Blick dorthin, wo Zweifel und Verzweiflung, das Stoßen an die Grenzen des Selbst und an die der Welt sichtbar gemacht werden. Sie konfrontieren uns mit uns selbst. Wir erfahren: Kunst ist nicht per se dem Spenden von Trost und Hoffnung verpflichtet, sondern sie wagt ein Form- und Worte-Finden für das Menschsein mit den dazugehörigen Abgründen.
Und doch: Die Klarheit der Motive, die in ihnen transportierte Vorstellung von Schönheit lassen auf ein Zukünftiges hoffen, das gut ist, das in uns gut ist, weil unser Erkennen des eigenen Bedrängt-Seins vorausgegangen ist. Nur aus dieser Erkenntnis heraus ist überhaupt die Ahnung einer Befreiung möglich: Begrenzung und Frei-Sein bedingen einander. Und auch wenn wir uns kaum etwas sehnlicher wünschen, als Freiheit zu erlangen, befreit zu sein, bleibt diese doch immer auch schrecklich. Wir taumeln beim Gedanken an die Ungewissheit, die ihr innewohnt. Wir fallen auf dem Weg zu ihr, wir kriechen, stehen auf, gehen weiter und erreichen sie nie. Unsere Freiheit liegt in der Annahme dieses Weges, in der Ausfechtung des Kampfes, den wir mit uns selbst führen.

Vita

Vita /// Frank Berendt

Portrait Frank Berendt

1964
/// in Leipzig geboren.


1988 - 1993
/// Studium der Malerei/Graphik an der HGB Leipzig unter Prof. A. Rink und N.Rauch.


1993
/// Diplom mit Auszeichnung an der HGB Leipzig unter Prof.A. Rink und N. Rauch.


1993
/// Stipendium des Kulturamtes Frankfurt am Main.


1993 - 1995
/// Aufbaustudium Videokunst unter Prof.R. U. Bühler.


1994 - 1995
/// Graduiertenstipendium des Freistaates Sachsen.


1995
/// Meisterschülerabschluss Videokunst an der HGB Leipzig unter Prof. D.Daniels und Prof. R.U. Bühler.


1988 - 1995
/// Arbeit mit der Performergruppe „The Oval Language“(T.O.L.) (Sounds,Installationen, Performances,Environments), u.a. mit „ das synthetische Mischgewebe“ (F,D), ERG (USA), sowie Tadashi Endo (JP, D).


1993 - 1999
/// Studienreisen u.a. Marokko.Israel. Nordirland, Indien.
Beginn der Zen Praxis unter Zen- Meister L.Tenryu Tenbreul.


seit 2001
/// Ordination (Tokudo)zum Zenmönch (Soto-shu).
/// Lebt und arbeitet als freischaffender Künstler und Künstlischer Honorardozent in Leipzig.


AUSSTELLUNGEN/ AUSWAHL


EINZELAUSSTELLUNGEN Dogenhaus Galerie Leipzig/ Berlin

  • „Afternoon“ 1993,
  • „Uns“ 1995,
  • „Lichtung“ in 1996,
  • „Waldpool“ 2000,
  • „Malerei“ 2003,
  • „Malerei 1997-2007“ 2007

Einzelausstellungen

  • Galerie Schloss Burg „Resonanz“ 2003
  • Baumwollspinnerei Leipzig „Bild im Dojo“ 2005
  • Werkstattgalerie Leipzig „Plateau“ 2009
  • Refugeprojectroom Leipzig „Blick auf Wasser“,
  • Rauminstallation zu einer Textpassage aus dem Shodoka, (Malerei und Audio). 2010
  • Potemkagalerie Leipzig „Nachtsammlung“ 2012
  • Kunstmuseum am Anger Erfurt „Stehende Strömung“ 2013
  • Kunstverein Panitzsch, Leipzig „Sphäre“ 2014
  • Spinnerei Archiv Massiv, Leipzig "Nachbild" 2017

AUSSTELLUNGSBETEILIGUNGEN

  • inter alia Kunsthalle Bonn, 1993
  • Lindenau- Museum Altenburg „Clear“ in 1993
  • F. Mann Auditorium Tel Aviv „Instant Recognition“ 1993
  • AVE, Arnhem“ Organic“ in 1993, 1995
  • Bauhaus Dessau „Ostranenie“ 1995
  • EMAF- Tour, u.a. Goethe Institut Hongkong,
  • Center of cont. Art Warschau,Museum Weserburg Bremen 1996
  • Deutsche Bank.(Katalog) „Landschaften eines Jahrhunderts“ 1999
  • Städische Galerie Rastatt, „1 zu 1“ 2001
  • Galerie B2, Leipzig 2002
  • Kunsthalle Sparkasse Leipzig „Zweidimensionale“ 2002
  • K:L:F: Space Project „Strictly Painting“, New York 2006
  • Annual Exhibition of Leipzig artists, Leipzig 2006
  • Project Space AHS „Invitasjon“, Leipzig 2011
  • Potemkagalerie „After Limbo“, Leipzig 2011
  • Kunstsalon 2015 „ Zwischentöne“, Ägyptisches Museum München 2015

Stipendien

  • 1993 Stipendium des Kulturamtes Frankfurt am Main
  • 1994/95 Graduiertenstipendium des Freistaates Sachsen

SAMMLUNGEN

Arbeiten sind vertreten in: Sammlung Kunstmuseum am Anger Erfurt, Sammlung der Deutschen Bank, Sammlung der Sparkasse Leipzig, Sächsische Kunstsammlungen Dresden, Regierungspräsidium Karlsruhe und in verschiedenen Privatsammlungen.

VERÖFFENTLICHUNGEN

  • „Instant Recognition“, Catalog, 1994
  • „Dogenhaus Galerie Leipzig“, Catalog, 1994
  • „Minima Media“, Catalog, 1995
  • „Avefestival“, Catalog, Arnhem, 1995
  • „EMAF“, Catalog, Osnabrück,1995
  • „Lichtung“, Dogenhaus Galerie, Catalog, 1996
  • „Jahresausstellung Leipziger Künstler“, Catalog,1997,2006
  • „Landschaften eines Jahrhunderts“, Katalog Deutsche Bank,1999
  • „Zweidimensionale“, Kunsthalle Sparkasse Leipzig,2002
  • „Frank Berendt, Malerei 1997-2007“, Katalog Dogenhaus Galerie, 2007
  • „Bildende Kunst in Leipzig“, Katalog Neuer Leipziger Kunstverein Leipzig 2006,2011
  • „Frank Berendt , Stehende Strömung – Stopped Flow“, Katalog Kerberverlag 2013
  • „Fischdiebe“ (mit Anja Kampmann), Paradiesische Dialoge, Editionen, Leipziger Bibliophilenabend 2017